Wie Neues entsteht

„ Als tiefes Schweigen das All umfing und die Nacht in ihrem Lauf bis zur Mitte gelangt war, da sprang dein ein allmächtiges Wort vom Himmel, vom königlichen Thron herab“
(Buch der Weisheit 18,4)

Ich bin zwar schon seit Ende Januar in meiner neuen Wohnung, aber noch längst habe ich nicht alle Kartons ausgepackt – ich muss mich noch von manchen Dingen trennen! Beim Sichten meiner Utensilien habe ich den Weihnachtsbrief der Cella Sankt Benedikt in Hannover gefunden, noch im Umschlag und nicht geöffnet. Und ich lese – und finde es ist in merkwürdiger Weise total aktuell:

„Wenn etwas Neues entstehen will, dann braucht es den Zustand völliger Offenheit, der Bereitschaft sich auf etwas Neues einzulassen, bei dem man noch nicht weiß, wohin es einen führen wird.“ Das spricht mich unmittelbar an, denn ich weiß, dass es für Neues Zeit braucht und einen Raum. Es geht um diesen besonderen Raum in uns, den wir oft sehr erfolgreich ignorieren und geschlossen halten, einen Raum, der leer ist, der bereit und offen ist, der sich hingibt und in dem alles geschehen kann. und natürlich kenne ich diese Unwägbarkeit, diese Unsicherheit, die mir Angst macht und mich die Tür lieber mit allen Kräften zuhalten lässt. Es ist sehr viel einfacher sich der Fülle hinzugeben, ich folge lieber klaren Wegen und lieber lasse ich mich unterhalten und sättigen mit all den Oberflächlichkeiten, die mir begegnen.

Die Corona Zeit hat mir auf besondere Weise dabei geholfen in einer großen Radikalität offen zu sein, denn das Kontaktverbot führte dazu, dass ich bei mir selber blieb und all die Dinge, die ich eigentlich geplant hatte, nicht machen konnte. Und bei diesem Stehenbleiben und nicht wissen, wohin der nächste Schritt geht, in einen inneren Raum zu kommen und zu sein, nichts zu sehen, nichts zu wissen und nichts zu erahnen.

Und die Brüder sagen dazu: Ist das nicht das Leben selber, ist dieser Raum nicht eigentlich das Leben als solches?

Offen in aller Radikalität: Spiritueller kann ein Leben nicht erfahren und aufgefasst werden. Und genau dahin sind wir heute gestellt, genau das ist unsere Situation. Wir sind mitten in der Nacht in der tiefes Schweigen das All umfängt. (Das ist im November 2019 geschrieben!)

Und weiter schreiben sie: Wir sehen nur diesen einen offenen Raum, halt diese Leere, dieses nichts und nichts mehr. Und kaum haben wir das erkannt, ereilt uns der Wunsch, diesen Raum wieder zu füllen. Aber der Raum lässt sich nicht füllen, nicht von uns und nicht in dieser Weise.

Und angesichts der ganzen Unsicherheit, in der wir uns gerade befinden, bleibt uns nichts anderes übrig als diese Offenheit auszuhalten. Und genau an dieser Stelle ist mein Gottvertrauen gefragt, mein Ja zum Leben gefordert. Es heißt zu vertrauen, es heißt auszuhalten und bereit zu sein die Offenheit zu ertragen. Und dann? Was kommt dann? Was wird werden?

Ich zitiere weiter aus dem Weihnachtsbrief:

Wir wissen es nicht, niemand weiß es – am wenigsten die, die es zu wissen meinen. Doch wenn wir bereit zu dieser Offenheit sind, wenn wir dem Leben lauschen und Vertrauen, in großer Dichte, in tiefer Stille, dann wird sich etwas zeigen. Irgendetwas zeigt sich immer. Das Leben kann gar nicht anders.

Das Buch der Weisheit spricht von einem Wort. Das ist der andere Pol, die andere Seite der Offenheit, des Nichts und des Schweigens und zugleich ist das Wort die passende Ergänzung. Denn kein Wort wurde bisher gesprochen, ohne aus dem Schweigen geboren worden zu sein. Das Wort ist die Antwort auf das Ausharren in diesem radikalen Nicht-Wissen. An irgendeiner Stelle wird es jemanden auffallen, dass das Wort da ist. Es wird jemanden geben, der wird es spüren, es fühlen, dem wird es keine Ruhe lassen und der wird es den anderen sagen müssen – und vermutlich wird es kein Beauftragter sein, keiner, in dessen Zuständigkeit das Wahrnehmen des Wortes fällt. Dieses Wort, dass vielleicht eher mit einem Samenkorn zu vergleichen ist, dieses Wort wird uns zu einem neuen Weg führen. Vielleicht uneben, holprig nicht einen dieser Wege, die schon so viele gegangen sind, sondern einen anderen, unwegsamen Weg. Und vermutlich wird nicht viel von dem übrig bleiben, was uns heute vertraut und gewohnt ist.

Und dann geht es weiter und das Wort geht uns sozusagen voran, wandelt sich zu einem neuen Wort, einem neuen Impuls, zu einem Stern auf dem Weg, zu einer inneren Stimme im Herzen.

Wandlung beginnt mit Stille, Veränderung mit Leere. Das ist nicht das Ende vor dem Neubeginn, das ist der Beginn des Neubeginns. Hier angelangt, zeigt sich die eigentliche Tiefe und Bereitschaft, sich auf das Leben und auf Gott einzulassen.

Mir geht es in dieser Corona Zeit so, dass mir manchmal die Worte ausbleiben, dass ich einfach schweige. Und vielleicht ist das gerade die Herausforderung im Schweigen und in der Leere auszuharren, mitten in der Nacht, gerade dann, wenn diese Offenheit kaum mehr zu ertragen ist.

Meine Erfahrung ist, das es mir nicht lange bang ums Herz sein muss. Das Wort kommt immer – immer ganz sicher. Weil das Leben so ist, weil es nicht anders kann, weil es immer einen Weg gibt und weil ich mir der Liebe Gottes sicher bin – egal, was geschieht. Ich wünsche Euch allen diese Zuversicht.

PS Dank an die Brüder aus der Cella Sankt Benedikt Hannover

http://www.cella-sankt-benedikt.de



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